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Stadt Puchheim  |  E-Mail: info@puchheim.de  |  Online: http://www.puchheim.de

Bürgerbrief

Erster Bürgermeister Norbert Seidl

Liebe Puchheimerinnen, liebe Puchheimer,

 

in den Ferien machte ich mich auf eine Reise durch die Mitte Deutschlands. Ich wollte den Menschen Martin Luther verstehen und die Zentren der Reformation erleben. Dieses Vorhaben gelang nicht vollständig. Vieles blieb mir weiterhin fremd und schwer nachvollziehbar. Auf jeden Fall habe ich mitbekommen, dass damals die Rolle der Religion für die Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens enorm war. Es ging vor 500 Jahren nicht nur um Seelenheil und Glaube, sondern in hohem Maße um Macht, Geld und Politik.

 

Der Anfang des 16. Jahrhunderts war noch durch den festen Zugriff der katholischen Kirche bestimmt. Es gab kein Entrinnen aus diesem Glaubensverband. Jegliche Nonkonformität wurde mit Exkommunikation sanktioniert, was letztlich den sozialen, oftmals den physischen Tod bewirkte. In diese Zeit hinein wagten es einige Überzeugte zu widersprechen. Die Reformatoren machten klar, dass es für den Glauben keiner Vermittlung durch die Papstkirche bedarf. Religion wird personalisiert, aber in der Folge, das zeigt sich in der Moderne, eben auch privatisiert.

 

Die Reformation hat damit Entwicklungen aufgegriffen und gefördert, die nicht mehr auf den einen einzigen Entwurf im Hinblick auf göttliche Transparenz pochten. Fortan gab es zwei Möglichkeiten, jetziges Leben so zu leben, dass man die Rechtfertigung für das höhere Ziel nicht verspielt. Paradoxerweise wurde diese existentielle Entscheidung für den Heilszugang nicht im freien Willen des Einzelnen verankert, sondern in der rein zufälligen Situation des Wohnortes. Mit der Friedensformel „Cuius regio, eius religio“ musste man beim Umzug gleichzeitig die Konfession wechseln. Freilich in Herrscherkreisen wurde dieser neue Weltenentwurf bereitwillig unterstützt. Und die Geschichte des 30-jährigen Krieges lässt erkennen, welche Wucht der Angriff auf die politischen und sozialen Grundlagen hatte.

 

Wittenberg heute: Wenn Sie fünf Leute fragen, was ihnen der christliche Glaube bedeutet, antworten vier davon: Wenig, gar nichts. Während man vor 500 Jahren bis auf des Messers Scheide um die richtige Religion kämpfte, ist Religion im Jahre 2017 lediglich für eine Minderheit von Bedeutung. Das Thema ist durch.

 

Die Geschichte zeigt, dass höchstdramatische Ereignisse und fundamentalste Prinzipien im Rückblick betrachtet dann doch eine sehr kurze Halbwertszeit haben. Nachdem man sich vor 500 Jahren für die gegenteilige Glaubenseinstellung noch umbrachte, kamen mit Religionskritik und mit dem Kontakt zu anderen Weltreligionen ziemlich bald die nächsten Relativierungen des Exklusivitätsanspruchs auf die einzig wahre Religion. Und Kriege im Namen Gottes wurden und werden für den Erhalt der weltlichen Macht geführt. Der Glaube des Einzelnen diente und dient dabei als Instrument und Mittel zum Zweck.

 

Also könnten es sich doch evangelische und katholische Kirche wahrlich leichter machen. Die trennenden Argumente werden immer weniger von den Christinnen und Christen wahrgenommen und gelten im Eigentlichen nur mehr für die Fundamentaltheologen und Rechtsspezialisten der Kirchenämter. Die Anbindung und Rückbindung des täglichen Lebens an einen christlichen Gott stellt sich als das weit tragendere und verbindendere Element dar. Eine solche ökumenische Einstellung ist in Puchheim common sense, selbstverständliche Praxis. Das erfüllt mit Hoffnung.

 

Dennoch, auch wenn der Grundsatz „Religion für alle“ in unserem Gemeinwesen längst Gesetzesgrundlage ist, wäre die Forderung „Keine Religion für alle“ ein wesentlicher Rückschritt und Verlust für die Gemeinschaft. Es braucht meiner Überzeugung nach Religion. Das soziale Miteinander wird durch Glaube, Christentum und auch Kirche menschlicher. Auch dieses ist gängige Praxis in der Stadt Puchheim, wofür ich mich mit aller Ausdrücklichkeit bedanke. Ich denke, es lohnt sich weiterhin über die Rolle der Religion in der Gesellschaft zu diskutieren.

 

In diesem Sinne freue ich mich „500 Jahre Reformation“ zu feiern. Es hat sich viel getan seit 1517, es wird sich weiter vieles verändern. Und trotz all der Krisen, Katastrophen und Kriege sollten wir weiter Apfelbäume für die nächste Generation pflanzen. Im April während meiner kleinen Deutschlandreise haben die Apfelbäume geblüht und ich habe gesehen, dass dieser Zuspruch Martin Luthers höchste Berechtigung hat. Glückwunsch zu diesem Jubiläum.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Norbert Seidl

Erster Bürgermeister

 

 

Auszug aus dem Grußwort des Ersten Bürgermeisters beim Festgottesdienst der Auferstehungskirche Puchheim am Sonntag, 2. Juli 2017, im PUC anlässlich 500 Jahre Reformation

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